Günter Grass – Die Blechtrommel

Günter Grass – Die Blechtrommel

Oskar Matzerath beschließt nach seinem dritten Geburtstag, mit dem Wachsen aufzuhören und sich der Erwachsenenwelt vollends zu verweigern. Ein Sturz von der Kellertreppe hinab dient als Aufhänger, um seinen Wachstumsstop auf eine für die Erwachsenen verständliche Weise zu erklären. Seine Kinderblechtrommel, die er zum Geburtstag von seiner Mutter geschenkt bekommen hat, ist von nun an ein ständiger Begleiter. Es wird getrommelt, auf Teufel kommt raus, ob auf Parteiveranstaltungen der Nazis, oder während der Aufführung von Wagners fliegendem Holländer, die Blechtrommel ist von nun an Oskars ständiger Begleiter. Sobald jemand versucht, dem Oskarchen seine Trommel wegzunehmen, macht dieser von seiner speziellen Stimmfähigkeit Gebrauch. Hohes Gekreische bringt jegliches Glas zum Bersten, was seine Lehrerin zum Beispiel gleich an seinem ersten (und letzten) Schultag zu spüren bekommt, in dem Oskar ihre Brille zersingt. Überall wo Oskar auftaucht, folgt ein skurriles Ereignis dem Nächsten, rennen die Erwachsenen unwissentlich in ihr Verderben…

Schon wenn man die ersten Seiten liest, wird einem schnell klar, wieso dieser Roman mit zu den bedeutendsten Werken der Deutschen Nachkriegsliteratur gezählt wird. Wahre Wortgewitter prasseln in einer nahezu unerhörten Gewalt auf den Leser nieder und offenbaren zugleich die Schönheit der Deutschen Sprache in einer Weise, wie man sie nur selten zu lesen bekommt.
Grass sein Schreibstil ist und bleibt unverwechselbar! Gekonnt hat der Autor die verschiedenen Erzählebenen verwoben und so ein äußerst vielschichtiges Buch geschaffen. Da haben wir zum Einen den erwachsenen Oskar Matzerath, der in einer Heil- und Pflegeanstalt, umsorgt vom Bindfäden knotenden Pfleger Bruno, während der Besuch kommt und geht, seine Lebensgeschichte niederschreibt, zum Anderen Oskars zu Papier gebrachtes Geschreibsel, welches dem Leser erzählt wird, immer mal wieder zwischen der ersten und der dritten Person hin und her wechselnd.
An manchen Stellen tritt die indirekte Rede anstelle der wörtlichen Rede, was dem Sprachklang eine ganz besondere Note verleiht. Damit wird sowohl Distanz geschaffen, als auch das Erzähltempo erhöht. Beispielsweise dann, wenn sich in einer Geschichte besonders viel ereignet, wörtliche Dialoge das Geschehen nur noch mehr in die Länge ziehen würden, bietet sich dieser Stil an.
Auf diesem Gebiet, war Grass wohl einer der größten Virtuosen der Deutschen Literaturgeschichte. Dann treffen wir immer mal wieder auf Abschnitte, in denen der Autor sich weit ausschweifend in Details verliert. Zu erwähnen sei hier etwa die Beschreibung der Herz-Jesu-Kirche mit ihrer Backsteingotik und den zahlreichen Ornamenten. Obgleich diese die Handlung nicht voranbringen, sind diese bedingt durch die Grass’sche Worwahl sehr schön zu lesen und deshalb trotzdem eine Bereicherung.

Da der kleine Oskar zu den „hellhörigen“ Säuglingen gehört, kann man seine geistige Entwicklung als „von Geburt an voll abgeschlossen“ betrachten. Hellhörigkeit bedeutet wohl auch, dass die Filter des menschlichen Bewusstsein, die dafür Sorge tragen, dass wir nur das sehen, was wir sehen wollen, eben nicht greifen. So sieht der Junge von Anfang an mit voll ausgestatten geistigen Fähigkeiten sämtliche Probleme der Menschheit, welche die Erwachsenen mit ihrem gefilterten Normalbewusstsein nicht wahrnehmen.
Man könnte jetzt die wildesten Theroien und Hypothesen aufstellen. Was wäre, wenn eines Tages nur noch hellhörige Kinder zur Welt kommen würde? Inwiefern würde sich dann die Weltgeschichte ändern? Würde die Kirche in diesem Fall eventuell plötzlich den Sündenfall für ungültig erklären? Hmmm… Ich sehe dieses Werk eindeutig als einen Protest gegen das kritiklose „mit dem Strom schwimmen“ der breiten Masse, was mich persönlich auf jeden Fall stark angesprochen hat! Da ist der kleine Oskar, der zu seinem dritten Geburtstag eine Kinderblechtrommel geschenkt bekommt und kurzerhand beschließt, sich der Welt der Erwachsenen komplett zu verweigern.
Als trommelndes Kleinkind braucht er schließlich unter dem NS-Regime nicht die Verantwortung mittragen für die dummen Erwachsenen, die wie blinde Schafe ihrem Führer folgen. Dass der Roman die Schuldfrage der Deutschen thematisiert, wird beispielsweise anhand von Alfred Matzerath, Oskars (möglichem) Vater aufgezeigt, bekommt dieser doch von Anfang an die Schuld am Treppensturz des Kindes zugeschoben, weil er vergaß, die Falltür zum Keller zu schließen, was ihm wieder und wieder vorgehalten wird.
Alfred tritt ziemlich schnell freiwillig in die Partei ein, am Ende des zweiten Buches wird das Abzeichen der NSDAP ihm zum Verhängnis und bringt ihm den Tod, wobei Oskar am Verlauf dieses Geschehens nicht unschuldig ist. Deutlicher kann man es kaum auf den Punkt bringen, oder?
Das Oskar nach der Beerdigung seines Vaters beschließt, wieder zu wachsen, spricht ebenfalls für sich. Das Dreiecksverhältnis zwischen Oskars Mutter Agnes, Alfred und Jan Bronski lässt allerdings insbesondere Agnes als eine tragische Figur auftreten, versucht diese doch jederzeit es allen Recht zu machen, worin sie letztendlich scheitert und sich mittels extrem überhöhtem Fischkonsum das Leben nimmt.
Da ist Oskar mit seiner ständigen Trommelei und seinem zerstörerischem Verhältnis zu allem, was aus Glas ist, vom absonderlichen Verhalten des Kindes mal ganz zu schweigen, das heimliche Verhältnis mit Jan Bronski, zusätzlich ihr Mann, der in die Partei eingetreten ist und obendrein noch die Machtergreifung der Nazis.
Einfach zu viel des Guten! Ihr Verhältnis zum Nationalsozialismus dürfte nicht wirklich gut sein, sonst hätte sie das Bild des großen Revolutionärs Beethoven kaum direkt gegenüber des Bildes von Hitler verortet. Agnes zählt zu meinen Lieblingscharakteren dieses Romans, nicht zuletzt auch aufgrund ihrer Pfiffigkeit beim Skat spielen und ihrer schlagfertigen Art. Deshalb hat mich ihr Tod schon ziemlich berührt, als ich das Buch zum ersten Mal las.

Grass sein Roman ist teilweise mit einigen ziemlich derben Szenen durchsetzt. Dies und der außergewöhnliche Sprachstil machen einen großen Teil des Reizes seiner Werke aus. Eine meiner Lieblingsszenen ist (neben dem Skatspiel in der Polnischen Post) auch heute noch die Passage in der Herz-Jesu-Kirche, in der Oskar dem Christkind seine Trommel umhängt.
Oskars Enttäuschung ist groß, weil kein Wunder geschieht, das Kindlein nicht trommeln will. Gewisse Vertreter der Kirche waren damals natürlich sehr empört und betrachteten Die Blechtrommel demzufolge als blasphemisches Werk. Maria, Oskars erste Liebe, beherrscht ebenfalls so manche tolle Szene, sei es jetzt bezüglich auf die Nutzung von Brausepulver als erotisches Spielzeug, oder das Liebesspiel mit Oskar, von dem sie jedoch nichts mitbekommt, weil sie schlicht und einfach schläft, oder der Sex mit Alfred im wachen Zustand, bei dem Oskar seinen (mutmaßlichen) Vater daran hindert, seinen Ömmel rechtzeitig aus Marias Spalte zu nehmen und das Ergebnis der Schwerstarbeit woanders hin zu rotzen.
Der heftige Streit zwischen Alfred und Maria, der kurz darauf entbrennt, wie auch Marias aufbrausendes Verhalten Oskar gegenüber (was an der Stelle natürlich gerechtfertigt war), heizen die Dramatik weiter an. Neben dem Tod von Agnes vermutlich eine der emotionalsten Stellen im Buch. Einfach herrlich! Auch im letzten Drittel, welches von vielen Kritikern weniger gut aufgenommen wurde, präsentieren sich einige wichtige Geschehnisse.
Das Kapitel mit dem Titel Im Zwiebelkeller sei hier insbesondere erwähnt. Die schrecklichen Geschehnisse des 2. Weltkrieges haben viele derjenigen, die hautnah dabei gewesen waren, emotional getötet. Der Zwiebelkeller, in dem der inzwischen erwachsene Oskar mit Klepp und seiner Trommel auftritt, ist ein Ort zum Weinen, nicht nur im metaphorischen Sinne.
Ich könnte jetzt noch viele Szenen beschreiben (beispielsweise die markante Stelle mit Schwester Dorothea im Dunkeln auf dem Klo), aber ich belasse es jetzt einfach mal dabei. Das Tolle an diesem Buch ist für mich vor allem, dass Grass keine Einwegliteratur geschaffen hat, sondern eine Geschichte, die man mit gutem Gewissen mehrmals lesen kann, wobei man trotzdem mit hoher Wahrscheinlichkeit immer mal wieder neue Details entdecken wird, die zuvor nicht aufgefallen sind.
Ein zeitloser Klassiker, der ganz ohne jeden Zweifel zu Recht zur Weltliteratur gerechnet wird! Der Erzählstil ist gewiss nicht jedermanns Sache und mag mit seinen extrem detailreich ausschweifenden Fabulierungen etwas eigenwillig anmuten, hat man aber ungefähr die ersten zwanzig Seiten gelesen, gewöhnt man sich recht schnell an die „Grass’sche Sprache“. Die Blechtrommel ist auf jeden Fall ein guter Einstieg in die Welt des Günter Grass!

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